Loki

Die alten Wikinger verehrten als kriegerisches und tapferes Volk eine Vielzahl tapferer, starker und heldenhafter Götter, die sich vor allem durch ihre ruhmreichen Taten auszeichneten. Darunter befanden sich jedoch auch durchaus facettenreiche Persönlichkeiten, denen verschiedene Eigenschaften zugesprochen wurden. So finden sich unter den Geschlechtern der Asen und Wanen mutige und kriegerische Götter ebenso wie sanftmütige und weise Gottheiten; für den Ackerbau und den Haushalt zuständige überirdische Wesen wie Schutzherren der Seefahrt und der Reise. Kein anderer Gott der nordischen Mythologie jedoch kann einen so ambivalenten Charakter, eine so vielschichtige Persönlichkeit aufweisen wie der listenreiche Ase Loki, der eine entscheidende Rolle in der letzten Schlacht und im Untergang des nordischen Göttergeschlechts spielt.

Loki ist in die Kulturgeschichte eingegangen als paradigmatische Gestalt eines Tricksters: Klug, durchtrieben und hinterhältig weiß er als unerkannter Drahtzieher im Hintergrund die Fäden des Geschehens zu ziehen, Menschen und Götter nach Bedarf zu manipulieren und für seine Zwecke auszunutzen.

Zwischen Göttern und Riesen: Lokis Abstammung

Schon bei Betrachtung seines Stammbaums wird Lokis zwiespältiger Charakter und die ambivalente Rolle, die er innerhalb des Beziehungsgeflechts der nordischen Götter spielt, offensichtlich: Obgleich Loki zu den Asen zählt und seinen festen Platz im Götterhimmel der Wikinger in Anspruch nehmen darf, stammt er von den erbitterten Feinden der Asen und Wanen ab: Sein Vater Farbauti und seine Mutter Laufney sind Riesen. Nichtsdestoweniger wird er von den Asen aufgrund seiner taktischen Klugheit und seiner strategischen und perfiden Pläne geschätzt und akzeptiert. Vor allem der mächtige Göttervater Odin und der starke und tapfere Donnergott Thor sind dem pfiffigen Loki zugetan. Odin schafft gar durch Blutsbrüderschaft eine innige Verbindung, welche die fehlende Verwandtschaft ersetzen soll. Der Listenreiche spielt auch innerhalb des Göttergeschlechts der Asen eine durchaus ambivalent zu betrachtende Rolle: Je nach eigenem Gutdünken neigt er mal der einen, mal der anderen Seite zu und hilft oder schadet je nach Belieben. So hilft er Thor einmal, seinen Hammer Mjöllnir von den Feinden zurückzugewinnen, andererseits ist er verantwortlich für schicksalhafte Vorbereitungen zum Untergang des Göttergeschlechts.

Wegbereiter für den Untergang: Lokis Kinder

Obgleich Loki auch mit einigen Frauen der Asen Verhältnisse eingeht und Kinder zeugt, sind vor allem die Kinder, die ihm die Riesin Angrboda schenkt, schicksalhafte Gestalten der germanischen Mythologie und schaurige Schrecknisse in den Geschichten der Wikinger: Drei Kinder Lokis sind es, die zu erbitterten Feinden der Asen und deren Schicksal besiegeln werden sollen. Denn zu den Nachkommen des listenreichen Gottes zählen die grausame Midgardschlange Jörmungandaal, die Todesgöttin und Herrscherin der Unterwelt, Hel, und der riesige Fenriswolf. Vor allem die Midgardschlange und der Fenriswolf spielen bedeutende Rollen in der Götterdämmerung: Sie stehen für die Vernichtung der beiden mächtigsten Götter und der beiden innigsten Freunde Lokis, Thor und Odin.

Während Thor und die Midgardschlange einander bei ihrer endgültigen Begegnung töten, verschlingt der grausame Fenriswolf das Oberhaupt der nordischen Götter, Odin. Doch auch bei den Kindern Lokis wird die Ambivalenz seiner Gestalt deutlich, denn nicht nur Verderbnis bringende Monster zählen zu seinen Nachkommen. Auch das achtbeinige Ross Sleipnir, das Odin in jede Schlacht begleitet und ihm treu zur Seite steht, stammt von Loki ab und wird dem Göttervater von diesem geschenkt.

Kulturheros, Gestaltwandler, Ränkeschmied: Lokis verschiedene Rollen und Facetten

Loki zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er seine listenreiche Intelligenz zum Schmieden perfider Pläne benutzt und vor allem in seinem eigenen Interesse zu handeln weiß. Doch in die Geschichten der Wikinger ist er auch eingegangen als Kulturheros, der seine Klugheit für das Erfindung des Fischnetzes nutzt: Auf diese Weise erleichtert er den Fischfang, der gerade für ein Seefahrervolk wie die Wikinger von lebensrettender Bedeutung sein konnte.

Auch gilt der von den Riesen abstammende Ase als Gestaltwandler, der je nach Bedarf und Belieben das Aussehen und die Gestalt verschiedener Tiere annehmen und so unerkannt seiner Wege gehen konnte. Durch diese Gabe gelingt es ihm auch, in Gestalt eines Pferdes Baldur stirbt durch die List Lokisdas Götterross Sleipnir auszutragen und es als Fohlen Odin als Geschenk zu überreichen. Nicht zuletzt ist Loki ein Ränkeschmied, der als listiger und findiger Berater zur Seite steht und Feinde überlistet, um beispielsweise Thors zauberkräftigen Hammer Mjöllnir zurückzugewinnen; zugleich verbündet er sich regelmäßig gegen die Asen und bringt durch seine Taten den Untergang des nordischen Götterhimmels immer näher.

Der Beginn Ragnaröks: Lokis schlimmster Verrat

Kein anderer Gott als Loki kann es also sein, der den Untergang einleitet und Ragnarök beginnen lässt. Der Tod des Gottes des Lichts, Baldur, steht als erste Tat und erstes Unglück für den Beginn des Endes, und dieser Tod geht auf die Rechnung Lokis. Einzig durch einen Mistelzweig verwundbar, den niemand gegen ihn zu richten wagte, erfreute sich Baldur allseitiger Beliebtheit und wiegte sich in Sicherheit und Schutz. Seine Unverwundbarkeit testend und auslotend, lässt Baldur sich eines Tages von den Asen im Spiel mit Waffen aller Art bewerfen und geht unverletzt aus jedem Angriff hervor. Als auch der blinde Hödur, der Bruder Baldurs, am unschuldigen Spiel teilnehmen möchte, nutzt Loki in perfider Absicht die fehlende Sehkraft des Arglosen aus und drückt ihm einen Mistelzweig in die Hand, der das Ende des Lichtgottes und den Beginn Ragnaröks bedeuten soll.

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